Jeder Übergang in eine neue Stufe wird mit einer Krise bezahlt.
So oder so.
Originalität wird mit Scham bezahlt.
Der Ausstieg aus Co-Abhängigkeit mit Bruch.
Geburt mit Schmerz.
Nähe mit Kompromissen.
Freiheit mit Einsamkeit.
Und so weiter.
Alles hat seinen Preis.
Wenn ein Mensch zu lange in einer Rolle bleibt, die sich bereits erschöpft hat, gleitet er leise in emotionale Insolvenz.
Es gibt keine Kraft mehr.
Keine Motive.
Kein Interesse.
Kein inneres Feuer.
Er bewegt sich weiter, spricht weiter und tut vertraute Dinge, aber innen ist seine Rolle längst zu leerer Kleidung geworden, die er aus irgendeinem Grund noch trägt.
Je länger man in einer erschöpften Rolle bleibt, desto mehr wird man zur Figur.
Alle ihre Sätze sind vorhersehbar.
Alle Schritte sind geschrieben.
Alle Reaktionen sind im Voraus bekannt.
Und das kann Jahre dauern.
Denn die alte Rolle, selbst tot, scheint immer noch sicherer als das Unbekannte.
Es wäre bequem, am Ende eine Moral zu ziehen, aber darin liegt keine Wahrheit, wenn die eigene Krise vor dem Gesicht steht wie ein großer dunkler See, in den man ganz eintauchen muss, ohne zu wissen, ob die Luft reicht.
Bereit sein zu ertrinken, ohne den Grund zu berühren.
Oder ihn mit dem eigenen Kopf zu durchbrechen und auf der anderen Seite herauszukommen.
Bereit sein für die eigene Unbereitschaft.
Wer in die Krise eintritt, glaubt oft, das Leben unverändert behalten zu können.
Dieselben Bindungen.
Dasselbe Gesicht.
Dasselbe Niveau.
Dasselbe Bild von sich.
Dieselbe bequeme Legende darüber, wer man ist.
Doch Krise bedeutet immer Veränderung.
Vor allem Veränderung dessen, was am schwersten zu verändern ist.
Sonst wäre es keine Krise.
Früher oder später muss man hineingehen.
Denn solange man am Ufer zögert, zahlt man trotzdem.
Mit der eigenen Zeit.
Mit den eigenen Kräften.
Mit dem eigenen Interesse.
Mit der eigenen Lebendigkeit.
Und am Ende mit dem eigenen Leben.
So oder so...

